Die Stimme der Heimat

Nesen Bertes, der vorletzte Bücheler Nachwächter, blies auf seinem blanken Horn die Stunden beim nächtlichen Umgang so hell und gewissenhaft, daß er noch heute in der dreiteiligen Heimatgemeinde und darüber hinaus in den Nachbardörfern Alfen, Faid und Gevenich in der Erinnerung der Bewohner unvergeßlich weiter lebt, obschon seine Gebeine längst unter den Linden auf der „Kunn" vermodert sind. Und mancher rauhliche Bauernjunge aus Georgweiler, Büchel oder Morschweiler, der in jungen Jahren dem eifrigen Nachtwächter zuweilen einen üblen Streich gespielt Feierabend in den Dorfschenken bot, hat später als Mann heimlich am Grabhügel des Bertes, dem Toten ruhig Abbitte geleistet.
Unter ihnen vorab der Duckollen Tunn aus Morschweiler, der dazumal ein wilder Bursche und gefürchteter Schläger auf den Tanzböden und Kirmessen in den Höhendörfern zwischen Mosel, Endert und Üßbach war. „Tut – tut – tut!" spöttelte er mit seinen Kameraden hinter dem alten Nachtwächter her, wenn dieser sie zur Feierabendstunde aus dem Wirtshaus wies. Sie versteckten ihm dafür bei Gelegenheit Spieß und Laterne oder schütteten heimlich ein Gläschen Tresterschnaps in sein hellglänzendes Horn, so daß diesem nachher auf dem nächtlichen Dienstgang nur kläglich wimmernde Töne entquollen. Als Tunn vor der Musterungskommission in Cochem für den Soldatendienst tauglich befunden worden war und mit den Altersgenossen strauß- und bändergeschmückt drei Tage und Nächte durch das Dorf und die Wirtshäuser zog, da hätten sie den biederen Nachtwächter, der von amtswegen dem wüsten Treiben Einhalt gebieten mußte, zuguterletzt noch verprügelt, wenn er ihnen nicht im entscheidenden Augenblick mit seinem gewaltigen Spieß zu Leibe gerückt wäre. Als sie sich am nächsten Morgen, so sie nüchtern geworden, bei ihm entschuldigten, verzichtete der gutmütige Bertes auf eine Anzeige.

Im Herbst wurde der Tunn zu den Soldaten auf dem Ehrenbreitstein einberufen. Damit er vor der Zeit nicht heimverlangere, nähte ihm seine Mutter heimlich ein Stückchen Kornbrot ins Joppenfutter. Am Vorabend seiner Gestellung schlich sich der Bursche in der Dämmerstunde zum Lehmkauler Heiligenhäuschen, um hier seinen bunten Ziehungsstrauß neben der holzgeschnitzten Madonna aufzuhängen, auf daß er die drei Soldatenjahre in Ehren bestehe und aushalte.

Auf dem Koblenzer Ehrenbreitstein begann gleich am ersten Tag ein hartes Leben für die jungen Rekruten und als sie am Abend todmüde aufs Strohlager sanken, da konnte Tunn lange nicht einschlafen. Die Kameraden schnarchten schon, als er sich immer noch unruhig auf dem obersten der drei übereinanderstehenden Betten wälzte. Danach wurde es still in der Mannschafsstube, nur die ruhigen Atemzüge der schlafenden Soldaten waren zu vernehmen. In seiner qualvollen Unruhe und Not dachte Tunn urplötzlich an sein Heimatdorf droben auf rauher Moselhöhe. Jetzt machte dort wohl der Nachtwächter seine gewohnte Rund durch die schlafenden Straßen und Gassen. Vielleicht stand er gerade in diesem Augenblick an seinem Elternhaus am Morschweiler Kreuz, blies das Horn so hell und schön – er war Hornist beim Königsregiment Trier gewesen – und rief die Stunde aus: „Hört ihr Herren und laßt euch sagen ..." Ein furchtbares Gefühl trostloser Verlassenheit kroch in die Brust des schlaflosen Tunn. Es war das Heimweh, das alle Eifeler draußen in der Welt so sehr befällt, daß sie es kaum zu ertragen vermögen. Und den rauhlichen Duckollen Tunn hatte es nun schon gleich am ersten Tage überwältigend gepackt. Er fühlte sich auf einmal so elend und krank, daß er am liebsten laut aufgeheult hätte.

Da – was war das? Über den breiten Rheinstrom her den steilen Ehrenbreitstein herauf klangen die Töne der Heimat, erst zage und leise, dann lauter und stärker. Das Horn des Niesen Bertes, des Bücheler Nachtwächters, war deutlich und klar zu vernehmen: „Ta – tü – ta – tü – tutatulü -- „. Und dann erscholl wahrhaftig der Stundenruf, wie ihn Tunn tausendmal daheim im warmen Kinderbett vernommen, jener fromme Mahnruf, den der Niesen Bertes stets vom plätschernden Burbach-Brunnen aus steil hinauf zum schlafenden Büchel sandte: „Hört ihr Herren und laßt euch sagen,

unsre Glock hat elf geschlagen;
elf der Jünger blieben treu,
gib, daß nur keinAbfall sei!"


Das ist doch nicht möglich, konnte Tunn gerade noch denken; auf dem alten Meilenstein an der Heerstraße droben am Chausseehaus steht eingegraben, daß es von dort genau 30km bis Koblenz sind. Soweit vermögen auch die hellen Hornstße des Niesen Bertes nicht zu klingen – nein – vom hohn Büchel bis zum hohen Ehrenbreitstein??? Weiter vermochte er vor wohliger und beseligender Müdigkeit nicht mehr zu sinnen. Im Einschlafen vermeinte er nur noch die harten Tritte des Nachwächters zu hören, die in der Richtung zur „Lenn" hin mählich verklagen. Erst die gelle Stimme des Unteroffiziers riß Tunn aus einem erquickend traumlosen Schlaf. Als er aufgesprungen, fühlte er sich frisch und munter wie neugeboren. In seinen Ohren klangen als süße Musik aus der Heimat die Töne des Nachtwächters noch leise und wundersam nach, daß der harte Soldatentag im Nu verrann. Zu keinem der Kameraden wagte Tunn von seinem nächtlichen Heimaterlebnis zu sprechen – sie hätten ihn doch nur ausgelacht und verhöhnt. So trug er sein Geheimnis verschlossen im Soldatenherzen und als der Abend kam, da erwartete er erneut auf seinem Lager die dörflichen Heimatklänge. Diesmal dauerte es eine Stunde länger, ehe er sie im Einschlafen vernahm und den Stundenspruch:

„Hört ihr Herren und laßt euch sagen,
unsre Glock hat zwölf geschlagen;
zwölf, das ist das Ziel der Zeit,
Mensch, bedenk die Ewigkeit!"


Ein andermal hörte er dafür schon den ersten abendlichen Stundenruf aus dem Heimatdorf:

„Hört ihr Herren und laßt euch sagen,
unsre Glock hat zehn geschlagen;
zehn Gebote setzt Gott ein;
gib, daß wir gehorsam sein!"


Ein einziges Mal nur vermochte er nicht eher einzuschlafen, bis er den letzten nächtlichen Stundenruf des Niesen Bertes in der Morgenfrühe vernommen:

„Hört ihr Herren und laßt euch sagen,
unsre Glock hat vier geschlagen;
vierfach ist das Ackerfeld;
Mensch, wie ist dein Herz bestellt?"


Das war in jener letzten Nacht, bevor Tunn in der Weihnachtszeit erstmals in Urlaub heimfahren durfte und da sein Herz gar fröhlich und freudig bestellt war. In Büchel staunte an über den schmucken Soldaten, an dem nichts mehr an den ehemals so rauhlichen Burschen erinnerte. Aber auch hier sprach Tunn zu keinem Menschen von seinen abendlichen Heimaterlebnisse im Soldatenbett auf dem Ehrebreitstein. Nur der Niesen Bertes wunderte sich weidlich darüber, weil der Urlauber ihn am zweiten Feiertag beim „Jud" so mit teueren Moselweinen traktierten, daß er erstmals in seiem langen Wächterleben in der folgenden Nacht nur mangelhaft seinen Dienst versehen konnte.

Wie im Fluge vergingen dem Duckollen Tunn nun die Soldatenjahre. Immer war er frohen Muts und guten Sinns, beliebt bei Vorgesetzten und Kameraden. Es konnte ja auch niemand ahnen, was den tüchtigen Burschen hochhielt in jenen Jahren, auch in den schwersten Stunden und es konnte keiner wissen von den Hornklängen der Heimat zur stillen Abend- und Nachtzeit im Kasernenbett! Nicht en einziges Mal setzten sie aus. Wohl vernahm er sie jeweils oft zu verschiedenen Zeiten, aber immer schlummerte er erst ein, wenn das Horn des Niesen Bertes hell in seinen Ohren erklungen und er danach den Stundenspruch vernommen, die Stimme der Heimat in der Fremde, die ihm das Soldatenleben leichter und den Dienst erträglicher gestaltete.

Nur drei Tage vor dem Ende seiner Dienstzeit vernahm Tunn plötzlich die Stimme der Heimat nicht mehr auf seinem nächtlichen Lager. Das beunruhigte ihn sehr und so lag er in diesen drei letzten Nächten schlaflos da und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er an jenen letzten Tagen seiner Soldatenzeit noch unliebsam aufgefallen, denn Herz und Kopf waren nicht mehr recht beim Dienst, sondern schon vorausgeeilt in die geliebte Heimat.

Als er dann auf der Heimreise in Cochem ankam, erfuhr er bei einem ersten Trunk in der Thorschenke, daß vor drei Tagen der Nachtwächter Niesen Bertes auf dem Büchel gestorben und heute früh begraben worden sei. Tunn mußte sich bei dieser Nachricht am Stuhle festhalten, denn nun dämmerte es ihm, warum er in den letzten drei Nächen den Ruf der Heimat auf dem Ehrenbreitstein nicht mehr vernommen. Er eilte den Faider Berg hinauf so schnell ihn sein Füße trugen und stand bald am frischen Grab seines heimlichen Freundes und getreuen Eckart. Der Duckollen Tunn ist ein tüchtiger und ehrenwerter Bauer geworden, der wie kaum ein anderer mit allen Fasern seines starken Herzens an der Eifelheimat hing. Und es verging fürderhin zur Verwunderung der Dorfleute kein Sonntag, an dem er nicht am Grabhügel des Niesen Bertes unter den Linden droben auf der „Kunn" eine Weile stumme Zwiesprache mit dem toten Freunde gehalten hätte.



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